Sonntagsreden zum Frauentag, wie jedes Jahr?
Machen wir ein Gedankenexperiment und hören, wie in einer Schulklasse der Zukunft über den 8. März gesprochen wird:
Keine Demonstrationen am Frauentag
Stell dir vor, es ist der 8. März, und es gibt keine Diskussionen und keine Demonstrationen. In den Zeitungen steht zu lesen, dass der 8. März früher der internationale Frauentag war. Das war zu einer Zeit, als es Frauen noch schwer hatten, sich in der Männerwelt zu behaupten.
Mehr als die Hälfte des Kuchens
„Wir wollen nicht die Hälfte des Kuchens, wir wollen die halbe Bäckerei“, riefen die Frauen der Frauenbewegung.
Die Kinder in der Schule verstehen das nicht und fragen, was es damit auf sich hatte.
Die Lehrperson erklärt:
Früher wurde Frauen weniger zugetraut. Die Männer glaubten, sie wären viel intelligenter, und deshalb bekamen Frauen weniger bezahlt, selbst dann, wenn sie im Job genau das Gleiche gemacht hatten wie die Kollegen.
Schulkind:
Was? Das geht doch nicht, das ist doch ungerecht!
Das Ende der Privilegien
Lehrperson:
Ja, aber so war das. Die Frauen protestierten jedes Jahr am 8. März, aber sie hatten kaum Erfolg.
Erst als das Gesetz verabschiedet wurde, das besagt, dass alle Firmen die Löhne und Gehälter der Beschäftigten offenlegen müssen, veränderte sich etwas. Es gab einen enormen Aufschrei der Frauen, denn die Ungerechtigkeit war jetzt schwarz auf weiß sichtbar. Die Firmenchefs schämten sich zu Tode. Die Männer gerieten in Erklärungsnotstand und wussten nicht, wie sie ihre Privilegien den aufgebrachten Kolleginnen erklären sollten.
Und dann wurde sichtbar, dass dort, wo viele Frauen arbeiteten, die Bezahlung besonders schlecht war. Und die Frauen waren ja nicht dumm; sie suchten sich auch Jobs, in denen sie mehr verdienten, mit dem Ergebnis, dass niemand mehr an der Supermarktkasse saß und es keine Reinigungsleute mehr gab. Auch Pflegepersonal wollte niemand mehr sein, bis die Bezahlung um ein Vielfaches angehoben wurde.
Schulkind:
Das ist ja schrecklich. Wussten die denn nicht, dass sie selbst auch einmal krank und alt werden würden?
Unbezahlte Frauenarbeit
Lehrperson:
Viele alte Leute wurden auch zu Hause von den Frauen gepflegt. Frauen arbeiteten generell sehr viel im Haus. Sie machten sauber, kochten und kümmerten sich um die Kinder.
„Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau“ – meinten viele sarkastisch. Die Frauen hielten den Männern den Rücken frei, damit sie Geld verdienen und vermehren konnten. Deshalb gehörte das meiste Vermögen den Männern.
Aber als dann die Frauen auch so viel verdienten, mussten sich die Eltern die Kinderbetreuung untereinander aufteilen. Der Mann konnte nicht mehr sagen, dass sein Job wichtiger sei.
Schulkind:
Also, meine Mama ist Bankdirektorin, und der Papa ist Volksschullehrer. Beides ist wichtig.
Vermögensverteilung
Lehrperson:
Früher gab‘s das nicht. Die Direktion wurde von Männern besetzt – in der Bank genauso wie in der Schule. Viele Männer hatten auch hochbezahlte Beraterjobs. Als die Frauen diese Summen sahen, verbündeten sie sich und gaben ihr Wissen nicht mehr preis. Doch ohne die Expertise der Frauen funktionierte die Gesellschaft nicht. Viele Unternehmen strauchelten und waren dann auch bereit, den Frauen genauso hohe Honorare zu bezahlen wie den Männern.
Frauen, die ihr Leben gaben
Schulkind:
Aber das war nicht immer so? Ich meine diese Ungerechtigkeit. Wann hat das angefangen?
Lehrperson:
Seit wann das so war, weiß ich nicht. Es gab einmal eine Zeit, da wurden Frauen verehrt, weil sie das Leben weiter geben. Das ist sehr lange her.
Ende des 18. Jahrhunderts lebte Marie Olympe de Gouges in Frankreich. Sie wehrte sich vehement gegen die Diskriminierung der Frauen und bezahlte damit mit ihrem Leben. Sie wurde enthauptet. Nach ihr wurden im Lauf der Geschichte noch viele Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzten, in den Kerker geworfen. Im Artikel Gender, Schafott und Scheiterhaufen habe ich darüber bereits geschrieben.
Trotzdem erreichten sie nach und nach einiges, zum Beispiel das Wahlrecht und später auch das Recht, berufstätig zu sein, ohne den Ehemann um Erlaubnis zu bitten.
Schulkind:
Und wann war das endgültig vorbei mit dieser Ungerechtigkeit???
Schreib in den Kommentar
Was glaubst du, wie lange wird es dauern, bis der 8. März als Tag der Chancengleichheit im Kalender steht?
Zum Weiterlesen
https://de.wikipedia.org/wiki/Erklärung_der_Menschen-_und_Bürgerrechte, Marie Olympe de Gouges,1789
Simone de Beauvoir: das andere Geschlecht. Rowohlt tbv, 10. Auflage 2009
Gerd Brandenberg: Die Töchter Egalias. Manifestverlag, 2025
Doris Doblhofer, Rita Küng: Gender Mainstreaming, Springer 2008
2 Antworten
Vielen Dank für dieses Gedankenexperiment. So toll, wenn es endich soweit wäre.
Aber leider sind wir momentan wieder sehr weit davon entfernt. Und diesen Beitrag sollten vor allem auch viele Männer lesen!
Olympe de Gouges, diese starke Frau des 18.Jhd., kenne ich selbst schon seit einigen Jahren. Aber auch hier wieder dasselbe, kaum jemand kennt diese besondere Frau, leider ist sie auch bei den Frauen nicht bekannt.
Also nochmals großes Lob zu Deinem Gedankenexperiment – möge es früher als erwartet in Erfüllung gehen.
Und noch ein Filmtipp von mir, den ich am Samstag gesehen habe: „Ein Tag ohne Frauen“. Dieser Film dokumentiert den 24. Oktober 1975, an dem fast alle Frauen Islands die Arbeit niedergelegt haben, um für die Frauenrechte u.a. gleicher Lohn für gleiche Arbeit, zu kämpfen. Sehr sehenswert!
Danke, liebe Linda, für deinen Beitrag und besonders danke für deinen Filmtipp – bin richtig neugierig auf den Film, will ich mir unbedingt anschauen.
„Wenn Frau will, steht alles still“ hatte ich auch schön öfters in meinen Gender-Seminaren durchgespielt – jedesmal sehr aufschlussreich.